Fränkische Zeitung Nr. 161 [ 01.06.1903 ]

Das neue Hessingsche Wildbad

Rothenburg o. T. Seit 1. Juni ist nunmehr das Wildbadetablissement des Herrn Fr. Hessing in Betrieb gesetzt und dürfte es wohl von Interesse sein, von diesem herrlichen Etablissement, dessen Bau allein etwa 3 Millionen kostete, abgesehen von der geradezu prachtvollen, teilweise fürstlichen Ausstattung, näheres zu erfahren.

Besuchen wir von der nördlichen Seite aus das Bad, so befindet sich links am Ufer der Tauber das Badehaus mit großem, mit Porzellan ausgekleidetem Schwimmbassin, Seitennischen für Douchen, römisch-irischen Dampf-, Moor- und einer goßen Anzahl Wannen-Bädern. Sämtliche Zellen und Lokale sind mit Zentraldampfheizung und elektrischer Beleuchtung ausgestattet. Hierauf folgt das alte, hübsch renovierte Wirtschaftsgebäude; auf der entgegengesetzten Seite am Tauberufer ist eine lange mit dorischen Säulen flankierte, gedeckte Wandelbahn erbaut, um auch bei etwaigem Regenwetter promenieren zu können. Der dazwischen befindliche Hofraum ist mit Bosquets mit prächtiger Teppichgärtnerei versehen. Hieran stößt der prächtige Garten mit Fontäne und schattigen Spaziergängen.

Am Hauptgebäude gegen den Garten befindet sich die große terassenförmige Veranda mit eleganten Gartenstühlen und Tischen, sowie elektrischer Bogenlichtbeleuchtung versehen. Betreten wir das Hauptgebäude, so finden wir im Erdgeschoß die Turbineneinrichtung mit Transmission, durch welche die beiden Pumpen getrieben werden, die das Wasser den beiden Mineralquellen nach den Hochbassins drücken, von wo dasselbe, wie auch das süße Quellwasser, warm und kalt, sämtlichen etwa 300 Lokalen durch Rohrleitungen zugeführt wird. Weiter sehen wir die von Siemens u. Halske eingerichtete Dynamomaschine mit Schaltbrett und Akkumulatorenraum, durch welche Einrichtung das ganze Anwesen mit elektrischem Lichte versehen wird. Daneben befindet sich der Kesselraum für die Zentraldampfheizung für den unteren Bau, sowie die 3 Kessel zur Erwärmung von Süß-, Stahl- und Schwefelwasser für die Badeeinrichtungen in diesem Bau. Einen Stock höher kommen wir in das Treppenhaus, durch herrlich gemalte hohe Fenster erleuchtet. Drei breite steinerne Treppen mit kunstvollen metallenen Geländern führen in die Gelasse des Mittel- und Oberbaues. Im nördlichen Teile des unteren Baues befinden sich die Dampf- und Douchebäder, sowie die sog. Fürstenbäder, deren Bassins mit Marmor ausgekleidet sind. Daneben kommen wir in den großartigen Festsaal mit herrlicher Theatereinrichtung, sehr noblem Mobiliar, sehr schönen Marmorsäulen und feiner erhöhter Tribüne für Ehrengäste. Gegenüber der Bühne befinden sich in den Eckräumen 2 elegante Büffets. Links dahinter kommen wir in die prächtig eingerichtete Küche mit daneben befindlichem Spülraum sowie mechanisch betriebenen Aufzug für die Speisen nach dem oben befindlichen Speisesaal. Auf der anderen Seite ist der elektrisch betriebene Fahrstuhl, der bis in die obersten Gelasse die Patienten, welche nicht gut Treppen zu steigen im Stande sind, befördert. Dahinter ist die Kesseleinrichtung zur Erwärmung der 3 Kessel für Süß-, Stahl- und Schwefelwasser für die Bäder im Mittel- und Oberbau.

Oberhalb des Theatersaals befindet sich ein feines, sehr schön und geschmackvoll eingerichtetes Wirtschaftslokal mit 2 schönen, hellen und geräumigen Zimmern. Dann folgt ein Stockwerk höher der großartige mit kolossalen Rundbogenfenstern mit herrlichen Glasmalereien versehene Speisesaal mit höchst eleganter Ausstattung und seiner Orchestertribüne für die Tafelmusik.

Die Säle haben mosaikartig eingelegte Terazzofußböden, die Treppen und Korridore sind mit Linoleumbelag versehen, die Zimmer und sonstigen Lokale haben Riemen- oder Parkettböden. Am Eingang zum Speisesaal ist ein sehr hübscher Springbrunnen angebracht.

Endlich gelangen wir in den Oberbau mit 2 Stockwerken; in welchem sich die sehr elegant, teilweise fürstlich eingerichteten Fremdenzimmer, vielfach mit anstoßenden Badezimmern mit Doucheeinrichtung befinden.

Gegenüber dem Bade, am linken Tauberufer in der früheren Schwabenmühle ist ein hübsches Wohnhaus für einen Teil der Dienerschaft sowie große Oekonomiegebäude und Stallungen für die Kühe, welche für Milch- oder Molkenkurbedürftige gehalten werden. Für Pferdestallungen, sowie Remisen für die Equipagen und Hotelwägen soll demnächst auf der Höhe in der Nähe des Spitalturms ein altdeutscher, burgähnlicher Bau errichtet werden.

Das ganze Etablissement macht einen hocheleganten Eindruck und bildet eine prächtige Zierde unseres schönen Taubertales. Hoffentlich wird der nunmehrige Betrieb desselben sich auch auf die hiesigen Geschäfte in nutzbringender Weise fühlbar machen.

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